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06. Dezember 2012

Beruf Fotograf - Traum oder Albtraum?

Nur wenige Berufe umfassen so grundverschiedene Aufgabenbereiche wie die des Fotografen. Das Berufsbild reicht vom perfekten Handwerker, der Tag für Tag Passbilder oder Bewerbungsfotos erstellt, über den Hochzeitsfotografen bis hin zu den Spezialisten in der Mode-, Werbe- oder Architekturfotografie, ganz zu schweigen von den Bildjournalisten, den Reise-, Natur- und Dokumentarfotografen, so Christoph Thomas, Vorsitzender des Photoindustrie-Verbandes. Hinzu kommen die Fotografen in der Wissenschaft, der Medizin, bei der Polizei oder in den Behörden. Nach Schätzungen des Photoindustrie-Verbandes leben in Deutschland rund 20.000 Fotografen. Die Zahl der Bildjournalisten wird auf rund 6.000 geschätzt, das Geschäft mit der Porträt-, Passbild- und Hochzeitsfotografie betreiben weitere 6.000 Fotografen. Rund 7.000 sind in der Werbung beschäftigt und rund 1.000 fallen in die Rubrik „Sonstige“, unter der die Kriminalisten, Mediziner, Wissenschaftler und ähnliche fotografische Tätigkeiten zusammengefasst werden.

„Der Unterschied zwischen einem Berufsfotografen und einem Amateur besteht darin, dass der Profi sein Geld mit der Fotografie verdient“, definierte einst Günther Osterloh, über Jahrzehnte Leiter der Leica Akademie, den Beruf des Profifotografen. Eine Definition aus der Kameraindustrie nutzt eine leicht abgewandelte Formulierung zur Unterscheidung der beiden Kundengruppen: „Ein Profi kauft die Ausrüstung, die er braucht, ein Amateur das Equipment, das er will!“ Beide Zitate, so Christoph Thomas, charakterisieren die aktuelle Situation der meisten professionellen Fotografen. Sie arbeiten teilweise mit dem gleichen Equipment. Durften sich bis vor wenigen Jahren nur diejenigen Fotograf nennen, die eine abgeschlossene Fotografenausbildung nachweisen konnten, so darf sich heute in Europa jeder Fotograf nennen und sein Geld mit der Fotografie verdienen, ganz gleich welche Ausbildung oder Befähigung er dafür besitzt. Das hat in vielen Sparten der Fotografie zu einem harten Wettbewerb zwischen den Berufsfotografen und den Semiprofis geführt. Eine Entwicklung, die diesen Wettbewerb noch schürt, ist die Tatsache, dass die Bedienung einer professionellen Fotoausrüstung kaum handwerklicher Fähigkeiten mehr bedarf. Das Aufnehmen technisch perfekter Fotos verlangt keinerlei Spezialkenntnisse und ist praktisch von jedermann erlernbar. Zudem wird das Hobby Fotografie in den kaufkräftigen Zielgruppen immer attraktiver, so Christoph Thomas. Hobby- und Freizeitfotografen leisten sich professionelles Equipment und geben damit ihrer Kreativität Ausdruck, wobei sich die Qualität der Ergebnisse hinter keinem Profi verstecken muss. Das zeigen beispielsweise die großartigen Fotoausstellungen der Gewinner des internationalen Naturfotowettbewerbs der BBC, bei dem viele Siegerfotos von Amateuren stammen oder von Amateuren, die es als Seiteneinsteiger in die Berufsfotografie geschafft haben.

Stark betroffen durch den Wettbewerb aus dem Lager der Gelegenheitsfotografen sind die Bildjournalisten sowie die Natur- und Reisefotografen. Das hat vielfältige Gründe. Die rasante Entwicklung der Fototechnik, die einfache Handhabung und die schnelle Verbreitung der Ergebnisse über Internetdienste und Smartphones in alle Welt haben beim Wettlauf um die Aktualität den Gelegenheitsfotografen, der zufällig mit der Kamera vor Ort war und auf den Auslöser gedrückt hat, zu einem wichtigen Konkurrenten in der aktuellen Bildberichterstattung gemacht. Zudem gibt es nur noch wenige Medien, die eigene Fotografen beschäftigen, um über tagesaktuelle Ereignisse zu berichten. Internationale Großereignisse, wie Olympische Spiele, Weltmeisterschaften, Wirtschafts- oder Politiker-Gipfeltreffen, werden von den Agenturen beschickt. Freie Fotografen haben dort kaum noch eine Chance, mit diesen häufig im Pool arbeitenden Kollegen zu konkurrieren. Noch härter ist der Wettbewerb bei den professionellen Natur-, Tier- oder Reisefotografen. Auch hier verschafft ihnen das professionelle Equipment nicht mehr unbedingt den wichtigsten Wettbewerbsvorteil. Sie sehen sich im Wettlauf um das einmalige, außergewöhnliche Foto immer häufiger mit den allein zum eigenen Vergnügen fotografierenden Abenteurern und Outdoor-Fans konfrontiert, die das gleiche und nicht selten auch hochprofessionelle Werkzeuge benutzen. Der Kampf um die exklusiven Aufnahmestandorte bei den großen Naturspektakeln wird nicht selten vor allem auch durch Geld gewonnen, das die Auftraggeber der Fotografen in der Lage oder gewillt sind, aufzubringen. Die Folge ist, dass sich das Berufsbild dieser Fotografenspezies stark geändert hat. Ihr Einkommen wird schon längst nicht mehr nur durch Honorare für Veröffentlichungen in Zeitschriften gesichert, sondern setzt sich aus vielen anderen Quellen zusammen, zu denen immer häufiger auch Vortragsreisen, Workshops oder aufwändige Buchproduktionen gehören.

Nicht selten klagen Fotografen im Bereich des Bildjournalismus über den Verlust an Kreativität, Interpretation und ganz besonders über begrenzte Zugangsmöglichkeiten zu den Veranstaltungen, die häufig den großen Agenturen vorbehalten bleiben. Nachrichtenbilder leben von der Aktualität. Beim Wettlauf um den Redaktionsschluss, den auf dem News-Desk der Redaktionen im Bereich Sport oder Politik immer häufiger das erste und immer seltener das beste Bild gewinnt, haben Einzelkämpfer kaum noch Chancen. Da sind die Chancen der Smartphone-Fotografen, die zufällig zur rechten Zeit am rechten Ort sind, oft besser.

Wie im Bildjournalismus sehen sich auch die Event- und Hochzeitsfotografen bei ihrer Arbeit mit den Wettbewerbern aus der Freizeitfotografie konfrontiert. Bei jeder Hochzeit zücken auch die Gäste ihre Kameras und manchmal gelingt ihnen auch das ganz besondere Bild. Allerdings scheinen sich die Veranstalter wichtiger Events darauf nicht zu verlassen. Wer sicher gehen will, der leistet sich einen Profifotografen. So gesehen stehen die Einkommensaussichten für Hochzeitsfotografen, die Qualität, Kreativität bieten und Arbeitszeiten von früh bis spät in die Nacht nicht scheuen, nach wie vor recht gut.

Der Traum der meisten, die den Fotografenberuf ergreifen wollen, ist meist jedoch ein anderer. Der Beruf des rasenden Reporters, der an die schönsten Plätze dieser Erde geschickt wird, um die großen Persönlichkeiten, Stars und Sternchen, die Schönen und Reichen unseres Erdkreises zu fotografieren, ist nur wenigen „Happy Few“ vorbehalten, die meist in den großen Pressebildagenturen Tag für Tag einen harten Job abreißen. Dennoch bleibt der Beruf Fotograf ein Traumjob, wie der des Schauspielers, Sängers, Musikers. Doch die Wirklichkeit ähnelt eher der eines Spitzensportlers, der nur durch unglaubliche Anstrengung, Disziplin und Leistungswillen zu Ansehen und Wohlstand kommt.