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Juli 2014

175 Jahre Fotografie - Der Tod gehört zum Leben

Kaum eine Phase des Lebens, das in unserer Gesellschaft nicht mit Fotos dokumentiert wird: Seien es die ersten Stunden und Tage eines Kindes, die Kindheit und Jugendzeit und unzählige Aufnahmen, die ebenso den Alltag dokumentieren wie Jubiläen, Feste, Urlaube und besondere Ereignisse. Bei vielen Menschen hört heute die Begleitung des Lebensweges mit der Kamera aber bei Aufnahmen ihrer Verwandten und Freunde mit dem Tod auf. Das war nicht immer so.

Schon in frühesten Zeiten der Antike und auch in den folgenden Jahrhunderten fertigte man Totenmasken, aber auch Zeichnungen als Erinnerung an die Verstorbenen an. Auch, wenn manche heute den Gedanken an den Tod oft aus dem Leben verdrängen und Bildnissen, die sich damit beschäftigen aus dem Wege gehen, so gibt es andererseits doch viele Menschen, die sich aktiv oder passiv mit der Fotografie von Toten beschäftigen. Die Rede ist hier nicht von den Opfern in Kriegen oder von Unfällen, die zur bildjournalistischen Berichterstattung gehören. Gemeint sind vielmehr jene Fotografen, die, gleich den ehemaligen Herstellern von Totenmasken, versuchen, ein würdiges Abbild der Verstorbenen zu schaffen. So berichtete der Spiegel vor kurzem von dem Totenfotograf Martin Kreuels, der in Bestattungshallen geht und versucht, den besten Blick auf die Aufgebahrten festzuhalten. Sein Streben ist es, mit diesen Bildern, die im Auftrag der Hinterbliebenen entstehen, zu helfen, den Tod zu begreifen und zu akzeptieren und ihre Trauer zu bewältigen. Die gesammelten Bilder des Fotografen wurden auch schon in Ausstellungen gezeigt.

Mit dem letzten Bildnis kehrt auch ein alter Brauch wieder. Denn Fotos von Toten sind schon fast so alt wie die Fotografie selbst. Mit dem neuen Medium setzte man nur die Tradition, ein Bild von dem Toten malen zu lassen, fort. In den Anfängen der Fotografie, wo ein Porträt wegen der langen Belichtungszeit schwierig war, gelangten Aufnahmen von Toten sehr viel einfacher. Mit der Verbreitung der Fotografie wurde das letzte Bild für Viele zur Selbstverständlichkeit und fand seinen festen Platz in zahlreichen Familienalben. Oftmals wurden die Verstorbenen so hergerichtet, dass man meinen konnte, sie würden schlafen oder noch lebendig sein. Die oder der Tote wurde beispielsweise in einen Sessel gesetzt und um ihn Blumen oder Kerzen arrangiert. Die Augenlider wurden auch manchmal gestützt, damit sie geöffnet bleiben. Besonders liebevoll wurden in den frühen Zeiten Babys – die Neugeborenentodesrate war hoch – für das letzte Foto hergerichtet. Der Wunsch nach einem schönen Bild des Toten entwickelte sich zeitweise zum guten Geschäft für Fotografen, von denen manche sich nahe von Friedhöfen und Krematorien ansiedelten.

Bis in die 30-er Jahre des letzten Jahrhunderts wurden die meisten Verstorbenen zu Hause aufgebahrt, der Tod war den Menschen präsenter als es heute in der modernen Gesellschaft ist. Es gibt auch Aufnahmen berühmter Fotografen, wie von Erich Lessing, 1923 in Wien geboren der sich einen Namen als international gefragter Fotoreporter machte und ab 1950 Mitglied der Fotoagentur Magnum wurde. Lessing fotografierte den österreichischen Operettenkomponist Franz Lehàr 1948 auf dem Totenbett bei Abnahme der Totenmaske durch Willy Kauer. Das handsignierte Bild gehört zur Sammlung von Westlicht Schauplatz für Fotografie in Wien.

Einen eigenen Bildband über die Totenbilder hat Patrik Budenz vor einigen Jahren in seinem Buch „Post Mortem“ veröffentlicht. Er wollte mit seinen Bildern, die zum Beispiel in der Pathologie oder bei Bestattern entstanden, die Leser für die Normalität des Todes sensibilisieren.

Wie unsicher viele Menschen in der Gegenwart sich mit der Fotografie von Toten fühlen, kann man an Diskussionen sehen, die in Internetforen um die Frage kreisen, ob es geschmacklos sei, den Toten aufzunehmen und sich dieses Bild anschließend ins Wohnzimmer zu hängen.

Demgegenüber ist man bei der Gestaltung von Grabstätten doch wesentlich toleranter. Selten werden auf den vor allen in ländlichen Friedhöfen beliebten Fotos auf den Grabsteinen von Verstorbenen Bilder verwendet, die diesen Menschen als Toten zeigen, sondern vorwiegend sind es Aufnahmen, die sie in ihren letzten Lebensjahren zeigten. Die Gestaltung von Grabsteinen zeigt in modernen Zeiten in einer riesigen Vielfalt den Drang zur Individualisierung. Die zum Teil absonderlich anmutenden Darstellungen auf Grabsteinen – wo sich auch schon einmal ein QR-Code findet, der mit dem Handy eingescannt auf eine Website verweist – haben die beiden Soziologen Thorsten Benkel und Matthias Meitzler zum Fotografieren animiert. Das Buch „Gestatten Sie, dass ich liegen bleibe. Ungewöhnliche Grabsteine – Eine Reise über die Friedhöfe von heute“ ist bestückt mit den eindruckvollsten Fotos der rund 30.000 Bilder, die sie geschossen haben. Da begegnet man ebenso Darstellungen von Computermäusen, Panzern oder Comicfiguren wie auch dem Foto eines Paares Hand in Hand, das seinen Grabstein schon zu Lebzeiten gestaltet hat.

Quelle: Prophoto GmbH

© Photoglobus, Simone Edelberg, Seelenwelten

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© Photoglobus, Joachim Springer, Friedhof auf Malta

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© Photoglobus, Rainer Dindas, Ein offenes Buch

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© Photoglobus, Rainer Dindas, Friedhof auf Rhodos

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